Distanzseminar am Schilchernhof

Ich glaube, es träumt fast jedes (Reiter-)Mädchen davon einmal an einem Turnier mit ihrem eigenem Pferd teilzunehmen.
Mit seinem eigenen Pferd über bunte Hindernisse fliegen, mutig durch Wassergräben und über Baumstämme stürzen oder elegant durch das Dressurviereck gleiten. Doch nicht jedes Pferd ist dafür gemacht mit raumgreifenden Gängen die Dressurwelt zu erobern oder langbeinig über Steilsprung und Oxer zu hüpfen. Vilma auch nicht.

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Endurance Riding

Vilma kann kleiner Hindernisse auf E-Niveau springen und wenn sie will kann sie sogar schön die Lektionen einer E-Dressur gehen, aber eben nur wenn sie will. Araber wie Vilma sind nicht primär für das klassische Dressur- oder Springreiten gezüchtet worden, auch wenn es erfolgreiche Araber in diesen Sparten gibt, so ist dieses Feld doch eher von den warmblütigen Verwandten dominiert. Und das aus gutem Grund: Der ganze Körperbau ist besser abgestimmt auf die Aufgaben, mit langen Beinen ist ein 50cm-Sprung nur noch ein Cavaletti.
Nun, was können aber unsere charakterstarken, eleganten Araber besonders gut?
Sie sind ausdauernd und zäh! Mit diesen Überlegungen bin ich auf das in Deutschland nicht so verbreitete Distanzreiten gekommen, das wie gemacht zu sein scheint für meine Vilma. Strecken über 40,60,80 oder 120km in möglichst kurzer Zeit zurücklegen und dabei einen ruhigen Puls bewahren.

Nach dieser Entdeckung habe ich mich sofort erkundigt, wie man am Besten Zutritt zu diesem Sport bekommt: Auf der Seite des VDD, dem Verband Deutscher Distanzreiter sind hilfreiche Informationen für Anfänger so wie das Reglement aufgeführt. Neben der Seite des VDD wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es eine Facebookgruppe gäbe, in der sich rege ausgetauscht wird. In dieser Facebookgruppe bekam ich dann den Tipp, dass es auch Anfängerseminare für das Distanzreiten gibt, wo einem alles vom effizienten Training über die richtige Fütterung bis hin zur praktischsten Ausrüstung erklärt wird. Google an – Schilchernhof gefunden, angemeldet, Hänger organisiert, Zugauto in München geholt und los ging’s!

Samstag um 09:30 ging das Programm los und da mir um 6 Uhr aufstehen und direkt nach der Hängerfahrt losreiten einfach zu hektisch war, bin ich bereits am Freitag angereist. Nachdem ich erst eine Woche davor meinen Hungerführerschein BE gemacht habe, war ich etwas aufgeregt alleine den Hänger an das mir fremde Auto (ich durfte netterweise Papas mit Anhängerkupplung ausleihen) anzuhängen. Nach ein bisschen hin und her hatte ich es schließlich geschafft, habe Vilma in ihre Transportgamaschen eingepackt und ebenfalls alleine verladen.  Obwohl ich nie aktiv mit Vilma verladen geübt habe, geht sie nach fünf Minuten Überzeugungsarbeit immer brav in den Hänger – lucky me!

IMG_50472km Kiesweg

Der Freitag: Hinfahrt und Eingewöhnung
Knappe drei Stunden gurkte ich über Dörfer, deren Straßen gerade so breit wie mein Hänger waren und schließlich kam ich über den zwei Kilometer langen Kiesweg endlich am Schilchernhof im idyllischen Allgäu an. Sybille, die Leiterin des Seminars und zweimalige Europameisterin im Distanzreiten, hatte eigentlich extra eine Karte an uns geschickt um den Kiesweg zu vermeiden und von der richtigen Straßenseite zu kommen, leider haben mir meine Karten-Les-Künste aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Endlich angekommen durfte natürlich Vilma zuerst aus ihrem Hänger raus und gleich auf eine Koppel zum Grasen. Ich habe mein Equipment ausgeräumt und tröpfchenweise die anderen sechs Teilnehmer kennen gelernt: wie erwartet war ich die jüngste und noch dazu die einzige, die mit eigenem Pferd angereist ist. Das war aber kein Problem, die anderen haben mich nett begrüßt und ich fühlte mich sofort wohl.

Am Freitag selber war reiterlich gesehen dann kein Programm mehr: Sybilles Mann Fritz trumpfte ein leckeres Grill-Buffet auf und wir saßen noch lange quatschend zusammen ums Feuer und genossen das ein oder andere Bier oder Gläschen Wein. So hatte Vilma genug Zeit sich in aller Ruhe von der anstrengenden Hängerfahrt zu erholen und sich schonmal an die neue Umgebung zu gewöhnen.

Wilkommen am Schilchernhof!Vilma im Allgäu

Der Samstag: Das Programm beginnt
Um 8:30 Frühstück ist wirklich eine humane Zeit, die „gute Seele des Hauses“ Petra hatte bereits ein hotelwürdiges Frühstücksbuffet vorbereitet, wo wir genug Kraft für den Tag taken konnten. Direkt nach dem Frühstück holte die erste Gruppe, in der ich mitritt, die Pferde von der Koppel und sattelte auf. Bevor es auf den Übungsritt ging, simulierten wir die Tierarztkontrolle eines VetGates: Ruhepuls messen, Zahnfleisch anschauen, Rücken abstreichen, Auge untersuchen. Vilma hatte einen unglaublichen Puls von 33, was mich sehr stolz gemacht hat! (Zum Vergleich: Der nächste an uns dran hatte 35, die anderen teilweise sogar 48) Leider tickte sie dafür beim Vortraben etwas vorne rechts, bei einem „echten Ritt“ hätten wir nach den strengen Vorlagen so nicht starten dürfen. Da es aber ja nur ein Übungsritt war, durften wir trotzdem mit: Wegen der enormen Hitze von 35 Grad ginge wir leider nur eine kleine 8km Runde durch die grüne Landschaft des Allgäus, anstatt der angekündigten 20km. Trotzdem war es spannend zu beobachten wie sich Vilma in fremder Umgebung mit fremden Pferden so verhält: zwar noch etwas flotter als sonst, war sie sehr brav und hat die Ohren immer bei mir gehabt. Wieder am Schilchernhof angekommen, wurde Vilma das erste Mal „getrosst“: es wurden ihr literweise kühles Wasser über Hals und Brustbereich gekippt, um den Puls möglichst schnell wieder auf 64 zu bekommen und der Sattel abgenommen. Gruppe zwei, die nach uns ritt, hatte während wir unterwegs waren eine Einführung in das Trossen bekommen. Vilma Puls war nur knapp nach dem Araber unseres Guides Alex als zweites wieder auf 64 und so konnte Vilma in ihre verdiente Pause.
Natürlich trossten wir die Gruppe zwei auch, bevor es Mittagessen gab. Am Nachmittag hatten wir noch Theorieunterricht, wo wir einige Trainingstipps bekommen haben, etwas zur richtigen Fütterung und Erfahrungsberichte von Sybilles Ritten! Dazu haben wir ein tolles Skript bekommen, das ich eifrig mit Notizen ergänzt habe – ich wünschte so spannend wäre es in der Uni auch immer 😉  Was mich am meisten überrascht hat: um einen Trainingseffekt zu erzielen soll man mindestens 15 km am Stück traben, bzw. für Galopptraining mindestens 5km am Stück galoppieren! In konstantem Tempo ist es einfacher für das Pferd seinen Takt zu finden, als wenn man immer wieder angaloppiert und damit den Trabtakt stört.
Nach all dieser Anstrengung und vor allem der unbarmherzigen Hitze, entschloss ich mich mit zwei anderen Seminarteilnehmern zu einem nahegelegenen Badesee für eine kleine Erfrischung zu fahren. Das tat vielleicht gut!

Abkühlung im nahegelegenen BaggerseePuls messen

Der Sonntag: 
DIe Morgenroutine vom Vortag war die gleiche, nur das Gruppe eins heute als zweites starten sollte. Unser simulierter Tierarzt-Check verlief noch besser als am Vortag: mit einem Ruhepuls von unglaublichen 30 waren wir ungeschlagen am niedrigsten, dazu hatte ich Vilma besser aufgewärmt und ihre Beine gedehnt, sodass sie dieses Mal beim Vortraben klar lief und wir auch ganz offiziell hätten starten dürfen! Während die andere Gruppe ritt, nutzte ich die Gunst der Stunde: In der Reithalle hatte ich ein kleines rundes Podest entdeckt, das ich schon lange mal mit Vilma ausprobieren wollte! Innerhalb von zehn Minuten stand sie begeistert mit beiden Vorderbeinen drauf und fühlte sich auch endlich mal ganz groß, sodass ich Mühe hatte, sie da wieder runter zu bekommen 😉

Erst eins...dann zwei!
Auf dem Rückweg zum Stall haben wir uns beide kurz vor einer Frau erschrocken, die links von uns saß und wir beide nicht bemerkt haben, weil wir in die andere Richtung geschaut hatten. Mit einem kleinen, aber bestimmten Hüpfer ist Vilma leider mit ihrem beschlagenen Huf voll auf meinem einen Zeh gelandet! Da das ganze leider schmerzhafter war als zuerst vermutet, fiel für mich der zweite Übungsritt flach und stattdessen kühlte ich genervt meinen Fuß. Damit Vilma trotzdem bewegt wurde und ich nochmal ihre Pulswerte kontrollieren konnte, ließ ich kurzerhand eine andere Kursteilnehmerin auf Vilma reiten: und siehe da, Vilma benahm sich prima und hatte sogar als Erste ihren Puls wieder unten – und das mit fremden Reiter!
Trotz meines schmerzenden Fußes war ich happy, dass alles so glatt lief und freute mich schon auf die Theorie, bei der die richtige Ausrüstung und der Ablauf eines Distanzrittes auf dem Programm stand. Die richtige Ausrüstung durften wir dann sogar selber ausprobieren und so legte ich auf Vilma drei verschiedene Deuber-Sättel, wovon der Deuber Quantum am meisten gefiel.
Nach einer kurzen Entspannungspause, packte ich meine Sachen wieder zusammen und trat den Heimweg zum Bodensee an.

Karin mit VilmaAusrüstungsanprobeVilma darf den Deuter-Sattel probieren

Wir blicken zurück auf ereignisreiche Tage im Allgäu, wo wir viel lernen durften und bestens umsorgt waren. Vielen Dank an Sybille und das ganze Team vom Schilchernhof! Wir kommen bestimmt wieder, zum Galopp-Training an der Iller, zum Fortschrittsseminar oder zum Wanderreitwochenende!

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